Edertal

Grenzen überwinden – Szenen einer Flucht

Wo die Ederwellen schlagen an den Strand,
wo die Bruchbach nach dem Bahnhof Anraff rannt;
wo die Frösche quaken in dem Dämmerschein,
da ist meine Heimat, da bin ich daheim. (Reelingslied, Strophe 1)

Anraff ist Heimat für etwa 360 Einwohner. Seit einigen Monaten sind in Anraff und Umgebung Menschen „daheim“, die keinen deutschen Pass haben und aus ihrer Heimat flüchten mussten. Die meisten haben eine Reise hinter sich, auf der sie Bilder sahen und Momente erlebten, die ihr Verständnis vom Leben und ihrer Heimat veränderten. Das soll im Theaterprojekt „Grenzen überwinden – Szenen einer Flucht“ aufgegriffen werden.

Mein „neuer Nachbar“

Die Medien zeigen Bilder von flüchtenden Menschen auf viel zu kleinen Booten im Mittelmeer oder überfüllten Notunterkünften für Geflüchtete in Europa. Aber welche Reise hat der aus Syrien stammende „neue Nachbar“ hinter sich? Was musste mein neuer Mitschüler auf seiner Flucht aus Eritrea erleben? Wo haben sie ihre Nächte während der Flucht verbracht und was hat das mit ihnen gemacht?

Theaterpädagoge Stefan Tiepermann möchte in seinem Projekt „Grenzen überwinden – Szenen einer Flucht“ die Fluchtgeschichte eines „neuen Nachbars“ auf der Bühne erzählen. Denn Vertrauen zu Neuem gewinnt man, wenn das Neue nicht mehr ein „man“ oder ein „die“ ist sondern zu einem Menschen wird, von dem wir wissen, dass er von eigenen Ängsten und Hoffnungen geprägt ist. Welche Geschichte hat also Dein neuer Arbeitskollege? Tiepermann möchte mit seinem Projekt Mut machen, genau hinzuschauen, um den einzelnen Menschen zu sehen und wahrzunehmen.

Über das Reden was bewegt

Auf der anderen Seite verspürte Tiepermann bereits im Vorfeld des Projektes das Bedürfnis der Geflüchteten über ihr Leben, ihre Umstände, ihre Reise und Wünsche zu berichten. „Grenzen überwinden – Szenen einer Flucht“ soll den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. So entstand die Idee, die Erlebnisse der Flucht mit theatralischen Mitteln, Szenisch zu erarbeiten und so einem Publikum zugänglich zu machen. Die künstlerisch theatralische Ausdrucksform hilft durch Verfremdung Abstand zu halten und trotzdem das Erlebte zu verarbeiten. Das Theaterstück soll von Geflüchteten und in der Region heimischen Menschen erarbeitet werden. Einerseits kann in der Zusammenarbeit ein intensives Verständnis für das Gegenüber wachsen und eine Gemeinschaft entstehen. Andererseits wird das nach Außentragen durch die Theateraufführung, weitere Personenkreise berühren. Unterstützung erfährt Theaterpädagoge dabei durch die evangelische Gemeindepfarrerin Kerstin Palisaar.

Szenenkollage einer Reise

Ein erster Arbeitsschritt der Gruppe wird sein, zu erarbeiten, an welchen Stellen die Geschichte des Erzählers Schwerpunkte, Schlüsselszenen oder auch Wendepunkte zu finden sind (Entscheidung zur Flucht, Abschied, Grenzübertritt …). Danach erfolgt die künstlerische Umsetzung der Szenen anhand einfacher theatralischer Mittel, wie beispielsweise Körperstaturen, Musik und Tanz. Die einzelnen Szenen werden am Ende gesichtet und zu einer Szenekollage zusammengeführt.

Mehr als nur eine Aufführung

In den Räumen des AusZeitTheaters wird das erarbeitete Stück einem öffentlichen Publikum vorgestellt. Um nach der Vorstellung einen Raum zum Kennenlernen und Austausch zu ermöglichen, soll in lockerer Atmosphäre ein kleines Fest für alle Beteiligten ermöglicht werden. Eine weitere Aufführung im Rahmen eines Gottesdienstes oder Gemeindefestes wird in Betracht gezogen. Stefan Tiepermann fände es wünschenswert, wenn das Projekt einen Anstoß für eine dauerhafte Theaterzusammenarbeit geben würde und Themen wie Integration dadurch verstetigt werden könnten. Und vielleicht singen dann in einigen Jahren noch viel mehr Menschen das Anraffer-Heimat-Lied.