Volkmarsen

Schicksale jüdischer Kinder und Jugendlicher während des NS-Regimes

„An diesem Morgen mochte kaum jemand an Bord des Schiffes frühstücken.
Es war das Jahr 1939.
Es war im Juli.
Wir waren auf einem Boot.
Ein Boot voller Kinder auf der Flucht vor der Gefahr.“[1]

Jüdische Kinder erlitten in den Jahren der NS-Herrschaft schwere Schicksale, die in Projekten des Vereins Rückblende Gegen das Vergessen e.V. thematisiert werden.

„Kindertransporte“

Im Rahmen der Aktion „Kindertransporte“ konnten zwischen Dezember 1938 und September 1939 etwa 9.600 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach England emigrieren, weitere ca. 2.500 Kinder wurden in den Niederlanden aufgenommen. Nur wenige dieser Kinder, haben ihre Eltern nach dem Krieg wiedergesehen.[2]

Auch jüdische Kinder aus der Region um Volkmarsen wurden durch die Nationalsozialisten zunächst in ihren Rechten beschnitten, später verfolgt und deportiert. Über ihr Schicksal informiert das vom Verein Rückblende Gegen das Vergessen aufgebaute und geleitete Dokumentations- und Informationszentrum zur deutsch-jüdischen Regionalgeschichte (Geschichtswerkstatt Rückblende (www.rueckblende-volkmarsen.de).

Dokumente und Fotos, aber vor allem authentische Schilderungen der Betroffenen zeigen auf, dass das jahrhundertelang gute Zusammenleben der jüdischen und nicht-jüdischen Nachbarn innerhalb weniger Jahre zerstört wurde, dass der Terror gegen die jüdischen Einwohner nicht nur an fernen Orten, sondern für alle erkennbar auch in den kleinen Städten und Dörfern stattfand.

Workshop  „Junge Leute auf den Spuren der Volkmarser Juden“:                     

Die teilnehmenden Jugendlichen befinden sich in einer ähnlichen Altersgruppe wie die verfolgten jüdischen Kinder und Jugendlichen zu Zeiten des NS-Regimes.  Bei der gemeinsamen Arbeit wird immer wieder deutlich, dass Geschichte besser begreifbar wird, wenn sie Namen und Gesichter bekommt, wenn sie einen Bezug zu Orten herstellt, die bekannt und vertraut sind.

Die Zusammenarbeit mit den Teilnehmern bedarf einer großen Aufmerksamkeit und Sensibilität. Ernst Klein ist Vorsitzender des Vereins und hat bereits viele Besucher jeglichen Alters durch die „Erinnerungswerkstatt“ geführt. Auch diesmal leitete er den mehrtägigen Workshop, in dem die Jugendlichen zunächst Schlaglichter der Ausstellung kennenlernen und gemeinsam über ihre Eindrücke diskutieren. Dabei liegt der Fokus auf den Schicksalen der jüdischen Kinder und Jugendlichen. Zur Vorbereitung und im Anschluss konnten die Teilnehmer mit Hilfe der vorliegenden Materialien selbst Schwerpunkte setzen und anhand des Begleitbuches „Verschwundene Nachbarn“ und weiteren Publikationen Biografien nachverfolgen.

Mehr als nur Wissensanhäufung

Der dritte Schritt war dann, dass die Jugendlichen ihre Erkenntnisse miteinander teilen. Vor allem aber ihre Gefühle in Worte fassen. Wie muss es ihrer Meinung nach für die jüdischen Familien gewesen sein? Was glauben sie, welche Träume hatten die deportierten Kinder und wie fühlt es sich für jeden einzelnen an, sich in die Schicksale der Kinder und Jugendlichen hineinzuversetzen? Zum Abschluss konnte eine kleine Gruppe an mehreren Nachmittagen selbst mit der Kamera arbeiten und einen Rundgang durch die Ausstellung filmen.

Das Kamerateam konnte im Anschluss das Bildmaterial sichten und unter Anleitung von Werner Schütte die Szenen schneiden, um am Ende einen Film (48 Min.) daraus zusammen zu stellen. Geplant ist, den Film auf der Website des Vereins zu veröffentlichen und anderen interessierten Jugendgruppen zur Verfügung zu stellen. Ziel des Projekts ist, Jugendliche zum Nachdenken anzuregen und ihnen durch die Erinnerung an frühere Ereignisse eine Orientierungshilfe für Gegenwart und Zukunft anzubieten.
Dabei geht es wie in dem LandKulturPerlen-Projekt „Menschen aus Waldeck-Frankenberg im Konzentrations- und Arbeitserziehungslager Breitenau“ nicht darum Wissen anzuhäufen, sondern um die nachhaltige Sensibilisierung für Gefahren durch extremistische Strömungen und jeglich Formen von Intoleranz.
[1] SIM, Dorrith M.: In meiner Tasche, 2.Aufl., Kassel 2013, o.S.

[2] Vgl. ebd, o.S.